Aha. Der frühe Vogel ...

Das Team hinter dem Mikro des Fanradios

Die FuMA stellt vor:

Di, 30. März 2021
Das Team hinter dem Mikro des Fanradios

In der neue Ausgabe der FuMA-Interviewreihe erzählen Tobias Potratz und Philipp Rother über sich und ihre Leidenschaft: das Kommentieren der Union-Spiele.

Hallo ihr zwei, stellt euch doch bitte kurz vor.
 
Ich bin Tobias, 31 Jahre und gebürtig aus Bad Belzig. Eine verträumte Kurstadt im Südwesten Brandenburgs. Dank des ansässigen Fußballclubs FC Borussia Belzig ist meine Liebe zum Kicken entflammt. Start in der F-Jugend als Fußballkind der 90er. Der Sprung ins Männerteam gelang mir auf der Stadionsprecher-Position. Heute bin ich Sehbehindertenreporter bei Union und transportiere Fußball in die Ohren der Fans und jetzt im eisernen Fanradio.

Mein Name ist Philipp, ich bin 33 Jahre alt. Ich komme aus der schönen Spargelstadt Beelitz und bin junger, stolzer Papa. Ich habe Journalistik/Medienmanagement (Bachelor) in Magdeburg studiert und arbeite bei rbb|24. Selbst spiele ich auch noch mehr oder weniger erfolgreich Fußball - für meinen geliebten Heimatverein, die SG Beelitz.

 
Die berühmte Frage nach Henne oder Ei: Zuerst Fan oder Mitarbeiter?
 
T: Erst Sympathisant, dann Mitarbeiter, jetzt Unioner.

P: Zum Abschluss meines Studiums in Magdeburg im Herbst 2010 habe ich meine Bachelorarbeit zum Thema "Sehbehinderten-Reportage im deutschen Fußball" geschrieben. Ich habe dann gezielt einen Partnerverein nahe meiner Heimat gesucht und beim 1. FC Union bin ich fündig geworden. Ich habe in meiner Arbeit die Gegebenheiten An der Alten Försterei beschrieben - natürlich mit dem Ziel, dass dann auch in Köpenick ein solcher Service für Sehbehinderte angeboten wird. Drei Monate nach Abgabe meiner Arbeit fand dann die erste Reportage im Stadion statt. Ich habe unzählige Heimspiele am Stück reportiert. So wurde ich dann automatisch auch Fan.
 
Könnt ihr euch an euer erstes Spiel erinnern?
 
T: Klar. Ein desaströses 0:4 gegen Nürnberg. An diesem Tag war ich zum ersten Mal An der Alten Försterei. Dass die Mannschaft dennoch volle Pulle von den Rängen unterstützt wurde, hat mich umgehauen. Da habe ich gemerkt, dass hier irgendwas anders ist.

P: Erstmals An der Alten Försterei war ich 1997 zum Benefizspiel gegen den FC Bayern. Danach gab es eine lange Pause. Weiter ging es erst im September 2010. Im Zuge der Ausarbeitung meiner Bachelorarbeit war ich beim Heim-Derby gegen Hertha BSC dabei. Das war natürlich gigantisch. Ich konnte mich kaum auf die fachlichen Aspekte konzentrieren.
 
Wie seid ihr als Mitarbeiter dann zum Verein gekommen?
 
T: Schuld waren viele glückliche Zufälle und kühle Getränke in einer Potsdamer Bar. Ich war Stadionsprecher in meinem Heimatverein in der Landesliga. Anfang der 2010er Jahre habe ich Journalistik studiert. Über Umwege bin ich auf Philipp gestoßen. Er hatte ein Konzept für die Sehbehindertenreportage bei Union entwickelt und selber schon ein paar Jahre alleine kommentiert. Philipp hat einen zweiten Reporter gesucht. Dann haben wir uns in der Kneipe getroffen. Drei Caipis und vier Pils später war ich Mitarbeiter des 1. FC Union Berlin.

P: Wie geschildert: Ich habe in meiner Bachelorarbeit die theoretischen Rahmenbedingungen für Sehbehindertenreportagen An der Alten Försterei beschrieben. Lars Schnell hat dann die Umsetzung angeschoben. Wir waren auch in dieser Phase im regen Austausch. Und als es dann im Januar 2011 alles konkret wurde, fragte er mich, ob ich als Sprecher zur Verfügung stünde. Ich habe zugestimmt und bin bis heute dabei.  
 
Warum und wann wurde das Webradio installiert?
 
P: Das Webradio war schon in meiner Bachelorarbeit Thema. Installiert wurde das Fanradio dann nach der Corona-Zwangspause. Als verkündet wurde, dass die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden, war klar, dass wir ein solches Angebot für die eiserne Familie schaffen wollen. Das Team von AFTV hat sich dann an die Arbeit gemacht, das Reporter-Team wurde verstärkt. Dann gingen wir pünktlich zum ersten Geisterspiel gegen den FC Bayern auf Sendung.

Habt ihr eine professionelle Ausbildung für Sportübertragungen, gibt es so etwas überhaupt?
 
T: Die Ausbildung kam ein bisschen mit der Muttermilch. Wir können alle gut und viel plaudern. Es ist eher Zufall, dass zumindest Philipp und ich Journalistik studiert haben. Daher ist uns die Arbeit am Mikro nicht ganz unbekannt. Aber eine spezielle Ausbildung für Sehbehindertenreporter haben wir nicht durchlaufen.

P: Ich habe im Rahmen meines Studiums einige Reporter-Kurse besucht, habe auch an Sprechtrainings teilgenommen. Die zielen aber nicht auf die Arbeit als Sehbehinderten-Reporter ab. Viel ist learning by doing - wichtig ist auch die "Spielpraxis". Man wird von Einsatz zu Einsatz sicherer. Bisschen Ahnung von Fußball sollte man auch haben. Grundvoraussetzung ist auch, dass man 90 Minuten quatschen kann. Man darf nicht vergessen: Die Sehbehinderten haben Sorge, dass sie etwas verpassen, wenn man eine längere Pause macht. Die DFL bietet einmal im Jahr spezielle Schulungen für Sehbehindertenreporter an. Daran habe ich die ersten Jahre teilgenommen.
 
Gibt es einen Unterschied zwischen einer Radioreportage und einer speziell für sehbeeinträchtigte Menschen?
 
T: Wir müssen permanent Fragen beantworten. Wo ist der Ball? Wie gestaltet sich das Spiel? Wer greift an? Wird es gleich gefährlich? Was machen die Fans? Was halten sie hoch? Wo zündet einer ein bengalisches Feuer? Wer macht sich warm? Was macht der Trainer? All die Dinge, auf die sehende Fans im Stadion achten, müssen wir beschreiben. So detailliert müssen Radioreporter nicht sein. Sie können auch Geschichten um das Spiel stricken. Dazu haben wir keine oder nur sehr wenig Zeit.

P: Auf jeden Fall. Ein Radioreporter kann Geschichten erzählen, der Zuhörer will auch unterhalten werden. Die Reportage dudelt womöglich auch nur nebenbei. Der Reporter hat mehr Freiheiten. Wir müssen als Sehbehindertenreporter auf Ballhöhe reportieren. Wir zeichnen den Weg des Balles nach, versuchen, so detailliert wie möglich zu schildern, was auf dem Platz passiert. Denn genau darum geht es ja: Die Sehbehinderten kommen ins Stadion, spüren die Atmosphäre, hören die Reaktionen der anderen Fans. Und sie wollen ja wissen, was auf dem Feld passiert. Wir sind quasi deren Augen. Daher versuchen wir auch, nicht nur zu skizzieren, was auf dem Platz passiert, sondern auch, was gerade im Gästeblock abgeht, welche Spruchbänder auf der Waldseite gezeigt werden und wo genau Pyrotechnik gezündet wird. Auch wenn die Fans plötzlich den süßen Geruch der Bratwurst in der Nase haben, versuchen wir zu schildern, aus welcher Richtung die Wolke kommt. Es geht also darum, die sehbehinderten Zuschauer durch diese 90 Minuten zu führen, ohne groß vom Wesentlichen abzulenken. Daher bauen wir in die Sehbehindertenreportage auch deutlich weniger Statistik - wenn wir eine Reportage für das Fanradio machen, ist das anders.
 
Wie läuft ein Spieltag für euch ab? Unterscheidet er sich in Pandemiezeiten arg von normalen Spieltagen?
 
T: Ohne Corona hat man schon beim Losfahren dieses Uniongefühl. Wenn du auf dem Bahnsteig stehst, sieht man die ersten Fans mit Schal und Pils. Da weißt du, die wollen dahin, wo du hinwillst. Angekommen. Dann geht es zum Container der Fanbetreuung. Kurzes Pläuschen mit Kompotti, dann nehmen wir zwei Empfänger mit, damit wir in der Reporterkabine unseren Sound überprüfen können. Die Kabine ist Höhe Mittellinie oben an der Stadiondecke der Gegengeraden angebracht. Es ist der Ort, an dem man vielleicht am besten das komplette Spielfeld sehen kann. Dann folgen letzte Vorbereitungen. Aufstellungen notieren. Aussprachen der Spielernamen nochmal kurz überprüfen und ab die Post. 90 Minuten Vollgas am Mikro. Mit Corona läuft das alles ähnlich ab, nur, dass das Uniongefühl nicht durch Bratwurstgeruch und Fangesänge befeuert, sondern durch die sterile Corona-Atmosphäre eher etwas betäubt wird.

P: Der Spieltag beginnt schon zwei Tage vor dem eigentlichen Spiel im heimischen Wohnzimmer. Wir bereiten uns akribisch auf das Spiel vor. Die eigene Mannschaft ist uns ja bekannt. Da geht es um Detailarbeit. Aber wir nehmen ja auch den Gegner unter die Lupe, sichten Statistiken und schauen uns das Personal an. Am Spieltag selbst beginnt die heiße Phase dann 60 Minuten vor dem Anpfiff, wenn die Aufstellungen reinflattern. Auf Sendung gehen wir dann 10 Minuten vor dem Start. Die Abläufe sind aktuell ähnlich. Größter Unterschied ist in meinem Fall die Anreise. Normal muss ich deutlich mehr Zeit einplanen. In Pandemiezeiten kann man ja auch eine Stunde vor dem Anpfiff entspannt mit dem Auto bis vor das Stadion fahren. Außerdem fehlt natürlich das Kribbeln. Wenn man normal ins Stadion fährt, und sich durch die Massen drängelt, kommt man schon automatisch in Stimmung. In Corona-Zeiten fehlt all das.  
 
Wie viele Leute hören euch aktuell bei Fanradio zu?
 
P: Zu den Hochzeiten gegen Bayern und Hertha waren es bis zu 1.000 Leute.

Habt ihr Vorbilder? Herbert Zimmermann oder Sabine Töpperwien?
 
T: Ich bin ein Fan von Wolff-Christoph Fuss. Seine Sprüche sind genial. Nie wiederholt sich einer. Immer ein gutes Timing. In puncto Unterhaltungswert kann man sich bei ihm einiges abschauen.

P: Nicht wirklich. Ich hatte mal das Glück, Manfred Breuckmann kennenlernen zu dürfen. Der hat Eindruck hinterlassen. Als Vorbild würde ich ihn aber nicht bezeichnen.
 
Kann man während der Übertragung mit euch in Kontakt kommen?
 
T: Vorher und nachher sehr gerne. Während der Reportage schaue ich auch mal kurz auf das Smartphone, aber eher, um Infos zum Spiel zu checken. Ihr könnt uns gerne auf Twitter anschreiben oder Kommentare unter den Posts auf Facebook zu unseren Übertragungen hinterlassen.

P: Die Sehbehinderten haben in normalen Zeiten nach jedem Spiel die Chance, mit uns ins Gespräch zu kommen. Da gibt es gerne auch mal ein gemeinsames Bierchen nach dem Spiel. Zuhörer des Fanradios können gerne Feedback über die gängigen Kanäle des Vereins schicken.
 
Gibt es ein bundesweites Netzwerk, mit dem ihr im Austausch steht und ggf. Neuerungen diskutiert?
 
T: Mit den Jahren haben wir uns innerhalb der zwei Bundesligen ganz gut vernetzt. Die DFL veranstaltet einmal im Jahr eine Zusammenkunft der Sehbehindertenreporter in Kamen (Nähe Dortmund). Ein paar Mal bin ich auch schon in andere Stadien gefahren und habe bei Kollegen hospitiert, weil ich sehen wollte, wie sie das machen. Bei uns waren auch schon Gäste. Aufgrund dieses Netzwerkes konnten wir unser Reporter-Team bei Union zum Beispiel auch vergrößern. Florian und Martin von Hannover 96 unterstützen uns seit der laufenden Saison 2020/2021. Außerdem gehört Felix dazu.
 
Gab es schon mal peinliche/lustige Versprecher oder habt ihr einen Spieler mal nicht erkannt?
 
T: Es kann schon mal sein, dass die Zunge schneller ist als der Kopf. Wir sprechen permanent in hoher Geschwindigkeit. Aber da wir schon ältere Hasen sind, passiert das immer seltener und wenn, dann nehmen es Hörpublikum und wir mit eisernem Humor.

P: Versprecher kommen immer mal wieder vor. Das ist normal, wir sprechen ja 90 Minuten ohne Punkt und Komma. Ich kann mich erinnern, dass ich mal ein Tor 30 Minuten gefeiert habe, ohne mitzubekommen, dass der Ball ans Außennetz flog. Die Zuschauer um mich herum jubelten auch, da ließ ich mich anstecken. Ich konnte die Situation dann aber schnell auflösen.
 
Habt ihr einen zusätzlichen Bildschirm und könnt die Wiederholungen schauen, so dass ihr Situationen besser beschreiben könnt?
 
T: In der Reporterkabine im Stadion haben wir das Sky-Bild. Die Auswärtsspiele kommentieren wir komplett vom TV-Bildschirm.

Gibt es etwas, das ihr benötigt, um eure Arbeit vielleicht noch besser machen zu können?

T: Wir haben in den vergangenen Monaten viel bekommen, das uns hilft. Mehr Reporter, mehr Bekanntheit im Verein, tolle Unterstützung von AFTV. Jetzt wird gerade noch daran gearbeitet, den Radio-Player direkt in die Union-App zu integrieren, damit das Hörerlebnis optimal ist.

P: Ich kann Tobi da nur zustimmen. Die Technik muss stabil laufen - dann sind wir alle - Reporter, Hörerinnen, Hörer und auch die Verantwortlichen - glücklich. Und wenn es dann irgendwann nach Corona auch wieder eine Bratwurst im Stadion geben sollte, ja, das wäre wirklich die Krönung.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft, auch hinsichtlich eurer Arbeit?

T: Ich wünsche mir, dass wir bald wieder die Sehbehindertenreportage für Fans im Stadion anbieten können. Das ist unser Kerngeschäft. Dafür sitzen wir am Mikro. Union soll für alle, auch für Menschen mit Seheinschränkung, erlebbar sein. Darüber hinaus wollen wir weiter den Stream als Fanradio für alle die nicht im Stadion sind anbieten. Auch die Unionerinnen und Unioner, die in ihrem Garten den Grill anhaben oder im Auto unterwegs sind, sollen durch uns auf Ballhöhe bleiben. Beides unter einen Hut zu bringen, das wäre geil.

P: Tobi hat das wunderbar formuliert. Ich wünsche mir, dass wir den Spagat zwischen Sehbehindertenreportage und Fanradio gut hinbekommen. Ich wünsche mir derzeit aber vor allem die Rückkehr der Fans. Das würde nämlich auch bedeuten, dass (zumindest langsam) wieder die Normalität zurückkehrt.