Heute vor 120 Jahren:

Union-Vorgängerverein Olympia Oberschöneweide gegründet

Als in Oberschöneweide im Spätfrühling 1906 eine Gruppe junger Schüler und Lehrlinge ihre Fußballervereinigung gründete, hatte dieser Sport im Deutschen Reich, in Berlin und in einigen von dessen Vororten bereits eine bewegte und an Erfolgen beachtenswerte Geschichte.

Historisches Foto mit einem Porträt von Standtke und Dokumenten über den Sport-Club Union-Oberschöneweide und einem Gebäude im Hintergrund.

Als erster Klub der Hauptstadt ging der Berliner FC Germania 1888, gegründet am 15. April jenes Jahres in die Sportgeschichte ein. Es schlossen sich beispielsweise im Juli 1892 der Berliner FC Hertha, im Juni desselben Jahres der Berliner Fußball-Club Union an, im Mai 1893 entstand der Berliner FC Minerva, der Berliner FC Preußen folgte im Mai 1894. In Tempelhof ansässig war der Berliner FC Helgoland, Anfang September 1897 gegründet. Germania hatte 1891 die erste Meisterschaft des im November des Jahres zuvor in Berlin formierten „Bund Deutscher Fußballspieler" gewonnen. Im Jahr Frühjahr 1902 war der im September 1897 geschaffene „Verband Deutscher Ballspielvereine" in „Verband Berliner Ballspielvereine" umbenannt worden. Union 1892 gewann 1905 die Deutsche Meisterschaft des Deutschen Fußball-Bundes. Hertha 1892 siegte 1906 in der VBB-Konkurrenz.

Im Mai 1906 bilanzierte dessen 1. Vorsitzender Fritz Boxhammer im Rahmen des Verbandstages für das zurückliegende Geschäftsjahr die Vergrößerung des Verbandes von 26 auf 38 und dabei den Anstieg der Mitgliederanzahl von 1.920 auf 2.569 Sportler. Etwa ein halbes Jahr zuvor hatte der Deutsche Fußball-Bund auch die Zahlen weiterer regionaler Verbände erhoben und für den VBB 32 Vereine mit 2.123 Mitgliedern und für den in Berlin und in der Umgebung konkurrierenden Märkischen Fußball-Bund 33 Vereine und 1.147 Mitglieder aufgeführt. Daneben existierten zahlreiche alternativ und auch gar nicht in übergeordneten Vereinigungen organisierte Verbindungen Fußballbegeisterter. Gegen diese Fußballwettkämpfe auszutragen war den in VBB und MFB zusammengeschlossenen Vereinen und Klubs nicht gestattet.

Für die außerhalb liegende 15.379-Einwohner zählende Stadtgemeinde Oberschöneweide ist der 1898 in Niederschöneweide gegründete und später über die Spree gesiedelte Ballspiel-Club Exelsior überliefert. Unterdessen lieferten sich auch Schülermannschaften auf Uferwiesen und anderen freien Flächen ihre ersten Wettkämpfe: Westende, Sparta, Urania, Germania und Olympia traten gegeneinander an. Auch einen FC Preußen halten die zeitgenössischen Aufzeichnungen fest. Auflösungen und neue Zusammenschlüsse behinderten die Stetigkeit der Entwicklungen.

Am Ende des April oder Anfang des Mai hatten einige fußballinteressierte Schüler und Lehrlinge in der Nähe einer Oberschöneweider Schule eine Fußballspieler-Gemeinschaft gegründet, die jedoch nicht lange bestand. Bald darauf, am 17. Juni 1906, trafen fünfzehn junge Burschen einander mit dem Ziel, einen beständigen Verein zu schaffen und künftig organisiert das Fußballspiel und die Leichtathletik zu betreiben. So entstand in der Gastwirtschaft von Albert Großkopf in der Oberschöneweider Luisenstraße 17 Olympia Oberschöneweide.

Nur wenig ist überliefert zu den 1906er-Gründungsmitgliedern Hans Sörensen, Otto Rienitz, Oskar Grünwald, Otto Kraaz, Hans Rehn, Arno Georgi, Fritz Schornstein, Johannes Saupe, Arno Böttger, Willi Backe, Fritz Rump, Max Maaß, wie auch zu Fritz Rump, Max und Franz Fähnrich, die am 17. Juni 1906 im Großkopf'schen Lokal nicht anwesend waren. Ebenso zu Erwin Mettchen, der dort zum Vorsitzenden gewählt worden war, zu Ernst Standke, dem ersten Mannschaftskapitän und, wie Albert Seipp und Richard Rump, später erfolgreichem Berliner Auswahlspieler. Offen ist ferner, welchen konkreten Anteil am Geschehen Georg Hirsch, Fritz Bredow, Adolf Rittinghaus, Robert Stach, Karl Fritsche sowie Karl und Wilhelm Berkenhoff nahmen. Wilhelm Berkenhoff beschrieb Arno Böttger 1931 in seinem Text in der 25-Jahre-Jubiläumsfestschrift des Klubs als jemanden, „der zu seiner Zeit eine Größe für sich im örtlichen Sportleben war“. Welcher Sportart er sich zugetan hatte, ist nicht bekannt. Sie alle aber, sehr junge Leute, dürften an jenem Sonntag, am Nachmittag „eines herrlichen, zum Aufenthalte im Freien einladenden Tages“ – so beschrieb ihn die „Tägliche Rundschau“ am folgenden Tag – allein fußballerische Betätigung nach den Regeln des Sports im Sinne gehabt haben. Alkohol zu genießen war ihnen offiziell verwehrt, und Albert Großkopfs Schankwirtschaft galt noch aus der Zeit der Vorgängerbewirtschaftung als Kaffeelokal.

Geselligkeiten gehörten offenbar zum Spieltags-Alltag der Sportsmannen. Man möge sich eingestehen, „dass für die übergrosse Mehrzahl unserer Fußballclubs Wettspiel und die Freuden der Tafel“ zusammengehörten – so klagte der Leitartikler Gracchus in „Sport im Wort“ Haltlosigkeit im Lebenswandel an. Zur Unsitte sei „die viel gerühmte und auch von mir geschätzte altgermanische Sitte eines festen Trunkes zu rechter Zeit“ geworden. All der Sport für die Erhaltung der Gesundheit helfe nicht viel, wenn anschließend ausartende Feierlichkeiten genützt würden, „Ärger und Scham über die Niederlage zu betäuben.“ Auch die Sieger hielten sich nicht zurück, so der pseudonym schreibende Autor. „Es wird Sonnabends Bier getrunken, die Nacht manchmal zum Tage gemacht“, tadelte er an prominenter Stelle, auf Seite 2 im Blatt, und im Anschluss an das aufopferungsvoll bestrittene sonntägliche Spiel „gleich danach werden Gambrinus wiederum Trankopfer gebracht“.

Wann, wo und mit wem die jungen Oberschöneweider erste Vergleiche austrugen, ist nicht überliefert. Auf das Gelände am Übergang der Wilhelminenhof- in die Ostendstraße „auf dem jetzigen Terrain der N.A.G. an der Ostender Wasserfront“ als Spielfläche nahe der Spree verwies Arno Böttger 1931 in der Festschrift. Die Sportberichterstattung in den Tageszeitungen widmete sich vor allem dem Reitsport. Die Fußballkämpfe blieben den Sport- und Fachzeitschriften vorbehalten. Die „Neue Sportwoche“ bot dann auch Raum für Kommentierendes: Aus der „Leipziger Abendzeitung“ zitierte ein anonym schreibender Autor einen Dr. Hans Fröhlich, der im sächsischen Blatt gemahnt hatte, dass die Jugend „dem Spiele huldigen, aber nicht dem Sport fröhnen“ solle. Abhetzung bis zum „Ich kann nicht mehr!“ sei Gift für Körper und Geist, und dies gelte „namentlich von dem modernsten rohen Jugendsport: dem Fußballspiel.“ Auch Amerikanisches wird zitiert herangezogen, „nach der zuverlässigen Statistik der ‚Newyork World‘“ habe die „letztjährige Fußballsaison 19 Tote und 150 Schwerverwundete“ gefordert. Eine Reihe weiterer Beispiele aus deutscher Berichterstattung folgten der Klage; sie alle bewiesen „die direkte Gefährlichkeit des Fußballspieles“. So mahnte Dr. Fröhlich gewiss nicht nur die sächsischen Eltern ansprechend, „Vorsicht bei euren Kindern mit dem Fußballspiel“, und mit Verweis auf einen Sanitätsrat Dr. Altschul, dass die Erfahrung lehre, „daß Knaben, welche einmal den Fußballsport betreiben, an keinem andern Spiele mehr Gefallen finden; kein anderes Spiel wird so leicht zur Leidenschaft, wie der Fußball.“ Der „Neue Sportwoche“-Autor ordnete schließlich das Zitierte ein – „Wie es scheint, hat der Verfasser keine allzu genaue Kenntnis der in Deutschland gepflegten Art des Fußballsports“, meinte er, nicht ohne auf Verletzungen hierzulande einzugehen, die in deutschen Blättern oft übertrieben dargestellt würden – „für die Gegner des Fußballsports ist ja diese Berichterstattung Wasser auf die Mühle.“

Fußballbegegnungen verpassten die jungen Oberschöneweider am 17. Juni 1906 offenbar, und so auch den 2:1-Sieg des Berliner Erstligisten Germania 88 über den Königsberger FC, den Meister der ostpreußischen Stadt. Jenes Juni-Wochenende war ein von hohen Temperaturen bestimmtes. Vom Gesellschaftsspiel des BFC Fortuna gegen den BFC Elf an diesem Tag berichtete die Zeitung „Sport im Wort“, dass „glühende Hitze über dem Rasen“ den Vergleich beeinträchtigt habe. Am Spielort, dem Tempelhofer Feld, wurde offenbar sehr leidenschaftlich gekämpft, denn anschließend an ein Abseits-Anschlusstor der Elf-Mannschaft habe diese sich darauf im Eifer „mit aller Gewalt und Schärfe“ das Aufeinandertreffen zu wenden bemüht und sich dabei nicht gescheut, „in jeder Weise die Regeln des Sports zu verletzen“. Der Kampf wurde abgebrochen, und das verhinderte „etwaige weitere Ausschreitungen“.

Wenige Wochen später, am 22. Juli 1906, traten Ernst Standke, Albert Seipp, Erwin Mettchen und ihre Kameraden dem im Süden Berlins, auf dem Tempelhofer Feld antretenden Berliner FC Helgoland 1897 als Ortsabteilung Oberschöneweide bei. Der vergleichsweise erfolgreiche Klub war seit inzwischen sechs Jahren Mitglied des Fußball-Verbandes, und so ermöglichte der Eintritt in die Struktur ein erstes Teilnehmen am Meisterschaftsbetrieb.

Als Nachwuchsvertretung erfolgreich und entsprechend selbstbewusst fanden die Oberschöneweider am 10. Februar 1907 Anschluss an den BFC Union 1892. Hier entwickelten sie sich zunächst mit zwei Jugendmannschaften und als IV. Männervertretung, bis sie am 22. Februar 1909 in die Selbstständigkeit traten – als nun souveränes Mitglied des Fußballverbandes.