Heute vor 60 Jahren:

Union sichert mit Auswärtssieg den ersten Aufstieg in die DDR-Oberliga

Als am 20. Januar 1966 der Berliner SED-Parteifunktionär Paul Verner zu den Gästen der Gründungskonferenz des 1. FC Union Berlin sprach, gab er „der Hoffnung Ausdruck“, dass der Klubname „bald nicht mehr in der Liga, sondern in der Oberliga zu finden sein wird.“

So zitierte ihn Hans-Günter Burghause im Fachblatt „Berliner Fußball“ in seinem Bericht von jenem Abend. Die Fußballer des Turn- und Sportclub Berlin, die nun fortan als die des neuen Klubs auflaufen würden, spielten bislang in der DDR-Zweitklassigkeit, der sogenannten Liga. „Spieler, Funktionäre und Trainer hätten die Verpflichtung, die Erwartungen der Berliner Fußballfreunde zu erfüllen“, so Hans-Günter Burghause weiter.

Aus der Liga zu verschwinden, „aber nicht nach unten, sondern nach oben“, sei alsdann Verpflichtung, sprach Paul Verner „unter lebhafter Zustimmung“ weiter und in der „Berliner Zeitung“ bezeugt von deren Berichterstatter Werner Fischer. Sein Kollege Gerhard Kleinlein rückte das Thema Aufstieg in der „BZ am Abend“ ganz nach oben in seinen Text und ließ Mannschaftskapitän Ulrich Prüfke deutlich werden: „Wir wollen den Aufstieg in die Oberliga zum frühestmöglichen Termin erreichen!“

Der Blick in den Kalender ließ da einige, aber auch nicht viele Termine offen erscheinen: Die 15 verbliebenen Spieltage der Saison 1965/66 boten sich nicht alle an, denn der TSC, nun also Union, lag als Zweiter noch drei Punkte im Rückstand gegenüber dem Ersten Vorwärts Cottbus. Es wurden zwei Punkte für einen Sieg, ein Punkt für ein Unentschieden vergeben.

Heimspiel gegen Motor Köpenick

Union hatte mit seinen 24:6 Zählern auf dem Sportplatz in der Wendenschloßstraße beim Ortsnachbarn Motor Köpenick anzutreten. Mit 8:20 Zählern lag dieser auf dem vorletzten der 16 Tabellenplätze in Abstiegsgefahr. Das Wetter verhinderte zunächst die Austragung am 12. Februar 1966, und wenige Tage später, am Mittwoch, dem 16. Februar 1966 pfiff der Schiedsrichter Wolfgang Riedel um 15 Uhr das erste Pflichtspiel des 1. FC Union Berlin an und mit dem 1:1-Endstand wieder ab. Nicht viel Gutes erfuhren die Leser der „Berliner Zeitung“ am folgenden Tag. Den ersten Pflichtspieltreffer des neuen Klubs sahen 1.200 Zuschauer. Dass Unions Verteidiger Wolfgang Wruck in der 49. Spielminute die Führung der Köpenicker ausgeglichen hatte, konnte als das Beste des Ganzen angesehen werden. Union durfte schließlich „sogar noch froh darüber sein, dass man im zweiten Abschnitt nicht erneut in Rückstand geriet.“, so hieß es da, und „der Tabellenzweite fand auf dem Schneeboden nur selten die richtige Einstellung.“ Energie Cottbus als Union-Verfolger hatte bei Vorwärts Rostock ebenfalls 1:1 gespielt und mit demselben Resultat war auch das Treffen Vorwärts Cottbus bei Aktivist Schwarze Pumpe zu Ende gegangen.

Union mit Remis gegen Motor Babelsberg

Der folgende Spieltag beschäftigte den Rechtsausschuss des DDR-Fußballverbandes: Motor Babelsberg vs. 1. FC Union Berlin endete 0:0 unbefriedigend, „wenig Durchschlagskraft“ der Berliner, ihr Angriffsverhalten „viel zu durchsichtig“, so die „Berliner-Zeitung“-Kurz-Zusammenfassung. Und Union habe gegen die Wertung protestiert, „da die Sportausweise der Motor-Spieler nicht in Ordnung gewesen sein sollen“. Das waren sie offenbar tatsächlich nicht, denn rund zwei Monate später urteilte der Ausschuss auf 2:0-Wertung für Union, weil sechs Babelsberger „ohne Bestätigung der sportärztlichen Untersuchung im Mitgliedsbuch mitgewirkt“ hatten. Dies meldete im April die „Berliner Zeitung“ mit der guten Nachricht, dass die Tabelle berichtigt sei. Zu diesem Zeitpunkt Mitte April 1966 waren acht weitere Union-Begegnungen absolviert, fünf davon gewonnen, eine verloren und zwei Unentschieden erreicht.

Spitzenspiel gegen Vorwärts Cottbus

Mit einer von ihnen, dem Spitzenspiel gegen Vorwärts Cottbus, holte die Mannschaft um Kapitän Ulrich Prüfke den Tabellenführer aus der Lausitz fast ein. Es hieß 1:0 vor 4.500 Zuschauern und nach Spielende beiderseits 29:13 Punkte. Die Torbilanz der Cottbuser war die deutlich bessere bei 44:24 gegenüber 34:20 Treffern.

Unentschieden bei Stahl Eisenhüttenstadt

Es folgte das Auswärtsspiel bei Stahl Eisenhüttenstadt, zu dem zu reisen Union seinen Anhängern zuvor mit dem Autobus empfahl; 12 Mark kostete die Fahrkarte. Belohnt wurden „die etwa 100 Berliner“ unter den 4.000 Zuschauern, wie die „Berliner Zeitung“ grob gezählt hatte, mit einem 2:2-Unentschieden nach zweimaliger Führung und der Nachricht, dass Vorwärts Cottbus zeitgleich seine Partie 0:1 unterlegen war. „Union nun Spitzenreiter“ überschrieb Bernhard Braunert, Journalist und Union-Mitglied ganz journalistisch-seriös und unparteiisch seinen Artikel in der Tageszeitung „Neues Deutschland“. Ein Punkt Vorsprung bei noch acht auszutragenden Vergleichen – und einem zu diesem Zeitpunkt noch ausstehenden Rechtsauschuss-Spruch.

Zuhause gegen Energie Cottbus

So zeigte dann die Tabelle im Stadionprogrammheft zum Spiel gegen Energie Cottbus den tatsächlich aktuellen Punktestand von 39:15 – Union und 37:17 des inzwischen auf Rang zwei platzierten Post Neubrandenburg an. Dort hatte Union unterdessen vor saisonrekordbedeutenden 15.000 Zuschauern beim 2:2 einen weiteren wichtigen Zähler hinzugewonnen. Vorwärts Cottbus lag fünf Punkte hinter dem Ersten; drei Spiele mussten noch ausgetragen werden. Das erste davon ging mit 1:0 an den 1. FC Union Berlin. „‚Ein Oberligaahnen‘ ging gestern über die traditionelle Fußballanlage in der Wuhlheide“, schrieb die „Berliner Zeitung“, und dass nun „lediglich noch zwei Pluspunkte“ aus den letzten beiden Begegnungen benötigt würden für den Aufstieg. Post Neubrandenburg beendete bei Aktivist Brieske Senftenberg das Spiel 1:0 erfolgreich.

Gegen Vorwärts Rostock

Unions Gastgeber am vorletzten der 30 Spieltage war Vorwärts Rostock, Tabellensechster. Aus Rostock berichtete hernach die „Berliner Zeitung“ mit Rückgriff auf ein Sprichwort: „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf den nächsten Sonntag.“ Dem 0:1-Rückstand zur Halbzeitpause habe anschließend eine „Standpauke in der Kabine“ Wunder gewirkt. Als einen „aufgeschreckten Hühnerhaufen" hatte der Autor die Heim-Elf nun wahrgenommen, um dann das Weitere bis zum Abpfiff zusammenzufassen: „Zunächst verwertete Uentz (53. min) einen krassen Fehler des Stoppers zum Ausgleich, und dann nutzte Quest (68. und 80.) zwei ausgezeichnete Pässe aus dem Mittelfeld zu den beiden die Entscheidung bringenden Toren.“ Einen „Schuss Sekt in der Kabine“ habe es dann auch noch gegeben. Frank Braun schaute im „Berliner Fußball“ etwas weiter zurück und zählte Union „zu den spielkulturell ausgereiftesten, taktisch klügsten Kollektiven der Liga-Staffel“. Und er rief „ein Bravo den Jungen von der Alten Försterei mit ihrem Trainer Werner Schwenzfeier“ aus, wie auch „Herzlichen Glückwunsch!“ Das daneben begleitend wichtige Resultat wurde aus Cottbus mit Energie gegen Post Neubrandenburg 2:0 vermeldet.

Am letzten Spieltag, Austragungsort Stadion An der Alten Försterei, traf der Tabellenletzte Einheit Greifswald als feststehender Absteiger ein. Den 5:0-Endstand würdigte „Berliner Fußball“, deren Reporter Rolf Gabriel eine Union-Mannschaft beobachtet hatte, die sich „nicht im Glanz des bereits errungenen Aufstiegs ausruhte“, sondern „in den 90 Minuten vorher aufgetrumpft“ habe, bevor es „Blumen über Blumen“ gegeben habe.

Trainer Werner Schwenzfeier und sein Assistent Heini Brüll vertrauten ihrem Kader mit den Torhütern Peter Blüher, Peter Halupczok und Manfred Kasprzak, den Abwehrspielern Klaus Korn, Wolfgang Wruck, Joachim Kluck, Rainer Schönborn, Jürgen Belger, Günter Stange, den Mittelfeldspielern Ulrich Prüfke, Hajo Betke, Meinhard Uentz, Werner Basel, Jürgen Stoppok, Norbert Meier, Detlef Biernoth, Peter Rentzsch, Manfred Jatzek und Wolfgang Weißenborn sowie den Angreifern Heinz Kaulmann, Helmut Kalbe, Günter Hoge, Wolfgang Hübscher, Ralf Quest, Joachim Ernst und Detlef Dollhardt.

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