Heute vor 60 Jahren:
Geschichte und Anekdoten zur Gründung des 1. FC Union Berlin
Der 1. FC Union Berlin feiert am heutigen Dienstag seinen 60. Vereinsgeburtstag mit einem großen Festakt an der Alten Försterei. Bevor dieser um 19 Uhr beginnt, nachfolgend ein kurzer Einblick in die Geschichte des Klubs.
Am 20. Januar 1966, einem Donnerstag, waren um 17 Uhr im Klubhaus des Oberschöneweider Transformatorenwerkes „Karl Liebknecht“ Berliner Sportler, Fußballfreunde und Politiker zusammengekommen, um auf der Basis der Fußballabteilung des Turn- und Sportclubs Berlin einen selbständigen Fußballklub zu gründen.
Jener DTSB und insbesondere sein Fachverband, der Deutsche Fußball-Verband der DDR, hatten zuvor über Monate hinweg in Analysen den Leistungsstand des DDR-Fußballs betrachtet und für unzureichend eingeschätzt. Erfolge im Sport sollten die Überlegenheit des sozialistischen Systems dem westlichen gegenüber belegen – und das auch in der populärsten Sportart, die in jener Zeit mit den Auswahlvertretungen wie insbesondere auch den Vereinen dem unteren europäischen Mittelmaß zuzuordnen war.
Eine Reihe von Vorschlägen unterbreitete der DTSB schließlich „für die Weiterentwicklung des DDR-Fußballsports“. In den dem Protokoll der Verbands-Präsidiumssitzung vom 17. August 1965 beigelegten und zur Weiterbearbeitung bestätigten Vorschlägen heißt es, dass Bemühungen, „auch in einigen Klubmannschaften zu einem höheren, dem Standard internationaler Spitzenmannschaften entsprechenden Niveau zu kommen", keinen dauerhaften Erfolg gezeigt hätten. „Es ist daher dringend erforderlich, Maßnahmen einzuleiten, die geeignet sind, die in den Oberliga- und Ligamannschaften vorhandenen Mängel" insbesondere bei der sportlichen Ausbildung zu überwinden. Hierfür solle „in einigen Zentren eine spezielle Behandlung, Förderung und Unterstützung" gewährt werden, indem „bei großen volkseigenen Betrieben die Bildung von Fußballklubs" genehmigt werde.
Anstellungen und Entlohnungen sowie berufliche Förderung der Spieler, die „Sicherung der notwendigen Freistellung von der Arbeit für Training, Wettkämpfe und Lehrgänge" bei Gehaltsfortzahlungen seien dementsprechend durch die Leitungen der Betriebe sicherzustellen.
Diese Vorschläge, so auch konkret „die vorgeschlagenen Maßnahmen zu Bildung von Fußballclubs“ wie auch die „Einführung eines Trainerlizenzsystems“ bestätigte das Sekretariat des Zentralkomitees der SED am 18. August 1965 – die wesentliche politische Voraussetzung für alles weitere Handeln der Fachleute.
Zu den insgesamt vorgesehenen zehn Klubgründungen gehörte auch die des in der Zweitklassigkeit, in der Liga spielenden TSC Berlin als reines Fußball-Leistungszentrum im Industriegebiet Oberschöneweide. „Damit werden“, so die Berliner Zeitung allgemein im Dezember 1965, „noch bessere Voraussetzungen zur Leistungssteigerung der Oberliga- und Auswahlmannschaften des DDR-Fußballs sowie zu intensiver Nachwuchsförderung geschaffen.“
Die Fußballer des TSC um ihren Trainer Werner Schwenzfeier hatten am 9. Januar 1966 ihr letztes Pflichtspiel unter dem bekannten und populären Namen 1:1 unentschieden bestritten – ein Pokalspiel beim bereits im Dezember 1965 aus dem SC Magdeburg heraus gegründeten 1. FC Magdeburg. Torschütze Jürgen Stoppok traf in der 75. Spielminute zum Ausgleich. Nach torloser Verlängerung und dem 0:0-Unentschieden im Hinspiel und ebenfalls nach Verlängerung entschied das Los nach insgesamt 240 Spielminuten zugunsten der Magdeburger das Weiterkommen.
Auf die Rückrunde der Saison 1965/66 bereiteten die Unioner sich fast unmittelbar darauf im thüringischen Oberschönau in einem Wintertrainingslager vor. Bestandteil dessen war ein Test-Freundschaftsspiel bei Vorwärts Meiningen – eine 1:3-Niederlage am 19. Januar 1966 und das letzte Spiel der I. TSC-Vertretung als TSCer. Günter „Jimmy“ Hoge schoss das letzte Tor der Mannschaft mit dem 1:0-Führungstreffer in der 14. Spielminute.
Der Trainer und einige Spieler reisten am 20. Januar 1966 nach Berlin, und sie saßen so unter den etwa 200 Gästen der Veranstaltung. Sie alle wussten, dass es um einen neuen Fußballklub gehen werde – dessen vorgesehener Name aber war nur wenigen bekannt.
In seinen Vorbereitungen hatte das Gründungskomitee im Dezember 1965 und Anfang Januar 1966 über Berliner Zeitungen und über den Rundfunk einen Aufruf veröffentlicht: „TSC ruft zum Wettbewerb um Namen und Wappen des neuen Fußballclubs“ hieß es in Berliner Fußball, und später noch einmal „Wer findet den richtigen Namen?“ Einige der bereits eingegangenen Vorschläge führte das Blatt seinen Lesern auf: FC Spreeathen und 1. FC Berliner Bär wie auch FSC – Fußball-Sportclub – Union Berlin. Auf die Begründung dieses Einsenders eingehend hieß es, der Name verweise „nicht nur auf die Berliner Tradition des Namens Union", er mache damit auch aufmerksam auf die Bedeutung „in seiner Übersetzung ‚Vereinigung“ oder ‚Bund‘ in unserer Zeit von heute bzw. in der internationalen Arbeiterbewegung", die einen guten Klang gefunden habe."
Die BZ am Abend verwies darauf, dass für das Emblem „lediglich Entwurf oder Skizze in farbiger Ausführung“ einzusenden wären. Der Wettbewerb der Fußballanhänger der Hauptstadt wurde auch in der Berliner Zeitung mit Gewinnaussicht angeregt: „Als Preise stehen 500, 250 und 100 Mark sowie zehn Jahres-Eintrittskarten zur Verfügung.“ Einmütigkeit, so die Zwischenbilanz in Berliner Fußball, habe bei den künftigen Klubfarben geherrscht, „dass sie auch weiterhin rot-weiß bleiben sollten, die Farben unserer Stadt."
Unterdessen bestätigte das Sekretariat des DTSB am 11. Januar 1966 die Zusammensetzung der vorgesehenen Klubleitung „des aus dem TSC hervorgehenden Fußballclubs“. Aufgelistet waren mit Werner Otto, dem Generaldirektor des Industriedachverbandes für Hochspannungsgeräte und Kabel als Vorsitzender auch Georg Pohler, der Direktor des Kabelwerkes Oberspree, und Hans Modrow, SED-Parteichef in Berlin Köpenick, als seine Stellvertreter. Am 18. Januar 1966 bestätigte das Gremium den Namen – 1. FC Union Berlin.
Diesen hatten die Wettbewerbsteilnehmer bis zum 5. Januar 1966 in 286 Einsendungen mit 475 Anregungen inzwischen mehrheitlich vorgeschlagen. FC Spreeathen und 1. FC Berliner Bär, BFC 66 und BFC Rot-Weiß wie auch FC Berolina hatten sich nicht durchgesetzt. FC dufte Jungen und BFC Rakete ebenso wenig. Zu den Wappenvorschlägen hatten auch der Hauptmann von Köpenick und, wegen der Platzanlage an der Wuhlheide, ein Hirschgeweih gehört – keiner der zahlreichen Emblementwürfe aber überzeugte die Juroren.
So hing am 20. Januar 1966 an der Decke des großen Saales des Klubhauses ein Schild, von dem als Schriftzug der Name zu lesen war. Ihm begegneten die Gäste an diesem Abend zum ersten Mal. Auch die Einladungskarte zum Gründungsabend trug nur das DTSB-Emblem. Die Tagesordnung führte die Begrüßung, eine Festansprache, eine Diskussion, die Berufung der Klubleitung und ein Schlusswort auf. Eine der Ansprachen hielt mit Paul Verner das Mitglied des SED-Politbüros des Zentralkomitees der SED und 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin – Berlins führender, wichtigster SED-Politiker. Er hatte sich im Vorfeld entscheidend dafür eingesetzt, dass der TSC Teil der Klubgründungen würde. Seine Hoffnung sei, so zitierte ihn Berliner Fußball, dass Union „bald nicht mehr in der Liga, sondern in der Oberliga zu finden sein wird.“ Paul Fettback, als Klubsekretär nun für Organisatorisches im Tagesgeschäft verantwortlich, wies auf die vorgesehenen Kontakte zu den Zuschauern mit gemeinsamen Veranstaltungen hin, und darauf, dass es Hauptaugenmerk sein werde, dass im Klubhaus „nach den Heimspielen stets eine gesellige Atmosphäre herrscht, so daß sich unsere Anhänger dort zusammen mit den Aktiven wohlfühlen."
Unter den aus dem Trainingslager angereisten Spielern gehörte auch Mannschaftskapitän Ulrich Prüfke, den Berliner Fußball mit den Worten zitierte, die Spieler seien bereit, „alle gebotenen Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Ansehen des 1. FC Union Berlin zu stärken". Schließlich erklärte, so das Fachblatt, „der Vorsitzende des DTSB-Bezirksvorstandes Berlin Heinz Busch mit dem Ruf ‚Es lebe der 1. FC Union Berlin!' den neuen Klub für gegründet".
Zum Klubvorstand gehörten die bereits vom Sportverband zur Berufung bestätigten Werner Otto als Vorsitzender und Georg Pohler als einer seiner Stellvertreter. Daneben in dieser Position auch Hans Wagner, ein Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin. Der Gesellschaftswissenschaftler Paul Fettback gehörte dem Gremium ebenso an wie Günter Mielis als sein Stellvertreter – der Lehrer hatte in der Vergangenheit als Nachwuchstrainer einen guten Ruf erworben. Zu Vorstandsmitgliedern berief der DTSB auch Hans Modrow, den Köpenicker SED-Vorsitzenden, der auch als Kandidat des SED-Zentralkomitees zu den wichtigsten Berliner Parteipolitikern gehörte. Mit ihnen arbeiteten mit Otfried Steger der Minister für Elektrotechnik und Elektronik der DDR, der Verantwortliche für Wirtschaft und Finanzen des TSC Fritz Stahl, nun als Verwaltungs- und Wirtschaftsleiter bei Union, Karl Hexamer, der Köpenicker Bereichsleiter der Sportstättenverwaltung Berlin als Vorsitzender der Technischen Kommission, der bereits in der Vergangenheit erfolgreiche Trainer Werner Schwenzfeier als verantwortlicher Trainer der I. Union-Mannschaft, Günter Rachholz, der Leiter der Berufsschule des Transformatorenwerkes Oberschöneweide und ehemalige Spieler wie auch Trainer als Verantwortlicher für die II. Mannschaft, der Nachwuchstrainer Gerhard Wötzel als Leiter der Nachwuchsabteilung, Peter Griese als Vorsitzender der Revisionskommission sowie der nun für Kultur und Bildung wie auch für Öffentlichkeitsarbeit verantwortliche Journalist Bernhard Braunert. Vertreter der Gewerkschaft standen im Vorstand nicht in der Verantwortung. Für die Veranstaltung habe man einen „bewusst bescheidenen Rahmen gewählt“ gewählt, merkte die BZ am Abend in ihrer Berichterstattung an.
Im Übergabe-Übernahmeprotokoll von TSC und 1. FC Union waren eine DDR-Liga-Männermannschaft, die II. Mannschaft, je zwei Jugend- und Juniorenmannschaften, vier Schülervertretungen und je zwei der Kinder- und Knabenspieler aufgeführt. Der I. Mannschaft gehörten demnach Werner Basel und Joachim „Jochen“ Ernst, Klaus „Kalle“ Korn, Helmut Kalbe, Peter Blüher und Ulrich Prüfke, Ralf Quest, Wolfgang „Ate“ Wruck, Günter „Jimmy“ Hoge, Jürgen „Fritze“ Belger, Wolfgang „Atze“ Weißenborn, Meinhard Uentz, Harald „Hajo“ Betke und Jürgen Stoppok, Günther Stange, Heinz „Kaule“ Kaulmann, Detlef Dollhardt sowie Peter Halupczok an. Die Verantwortlichen beider Klubs unterzeichneten das Dokument am 28. Januar 1966.
Zu diesem Zeitpunkt war die Mannschaft aus dem Trainingslager in Oberschönau bereits nach Berlin zurückgekehrt – diesen Teil der Vorbereitung auf die Saison-Rückrunde beendete der Tabellenzweite der Liga-Staffel Nord nach 14 Tagen am 24. Januar 1966. Zwei Tage zuvor und zwei Tage nach der Gründung in Berlin traten die Spieler am 22. Januar 1966 erstmals als Unioner zu einer Begegnung an. In einem kurzfristig vereinbarten freundschaftlichen Trainingswettkampf trat sie gegen die Motor Oberschönau an, einen Viertligisten. Wegen hohen Schnees war das Spiel abgesagt, der angesetzte Schiedsrichter jedoch nicht informiert und nicht abbestellt worden. Dieser sah nun einen durch Aushänge im Ort angekündigten Vergleich, den die Unioner in ihrer Stellungnahme „als gemeinsames Training mit spielerischer Form" erklärten, währenddessen „Anweisungen und Korrekturen vorgenommen werden und beliebig ausgewechselt" werden sollte. Eintrittsgeld wurde von den Zuschauern nicht kassiert, die Spieler trugen Trainingsanzüge und Pudelmützen, Union gewann mit 5:3 Treffern – die Namen der Torschützen sind nicht überliefert. Das Spiel war durch die Meldung des Schiedsrichters an den Verband zu einem Fall für den Rechtsausschuss des Fußball-Verbandes geworden. Dieser stellte klar, „dass alle Spiele, die zwischen Fußballmannschaften verschiedener Gemeinschaften ausgetragen werden, als Freundschaftsspiele" zu werten seien. Nach einer Verhandlung am 11. März 1966 in Erfurt stellte der Ausschuss in seiner Urteilsbegründung vom 12. März 1966 fest, dass es sich nicht um ein spielerisch gestaltetes Training gehandelt habe, sondern auch bei Veränderung der Bedingungen um ein Freundschaftsspiel im Sinne der Wettspielordnung. So bestrafte der Ausschuss den 1. FC Union Berlin zur Zahlung einer Strafe von 100 Mark.
Während ihrer Rückrunden-Vorbereitung traten die Unioner am 5. Februar 1966 beim FC Vorwärts Berlin zu einem freundschaftlichen Vergleich an. Im Stadion des Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks erlebten sie und die 1.000 Zuschauer das erste unter Flutlicht ausgetragene Spiel des 1. FC Union Berlin – es endete 1:1 unentschieden; Ralf Quest hatte seine Mannschaft in der 65. Minute in Führung gebracht.
Auf der Seite 7 sahen die Leser der Berliner Zeitung am 12. Februar 1966 erstmals eine Abbildung des Emblems des 1. FC Union Berlin. Nachdem im Januar der Vorschlagswettbewerb nur einen Namen ergeben, aber keinen verwendbaren bildlichen Entwurf gebracht hatte, gab der Klubvorstand dem Berliner Gebrauchsgrafiker Peter Gribat den Auftrag zur der Gestaltung. Er reichte daraufhin mehrere Entwürfe ein – einem stimmte die Jury zu und dieser wurde so zum bis heute nahezu unveränderten Union-Emblem. Aufgrund der Veränderung gegenüber der Ausschreibung setzte sie auch die Höhe der ausgelobten Preise neu fest. „Aus dem Kreis der Einsender, die den Namen ‚1. FC Union Berlin‘ vorgeschlagen hatten“, so hieß es am 14. Februar 1966 in Berliner Fußball, seien drei Gewinne ausgelost worden: Erich Ellerau aus Berlin-Pankow auf Platz eins erhielt 300 Mark, Dieter Schönberg aus Berlin-Köpenick bekam 200 Mark, 100 Mark erhielt der Potsdamer Michael Waller.
Zu ihrem ersten Pflichtspiel liefen die Unioner um Kapitän Ulrich Prüfke am 16. Februar 1966 bei Motor Köpenick auf. Das 1:1-Remis beim Bezirksnachbarn sahen 1.500 Zuschauer. Wolfgang „Ate“ Wruck hatte in der 49. Minute ausgeglichen und den ersten Pflichtspieltreffer des 1. FC Union Berlin erzielt.
Am Abend des 20. Januar 1966 war, wie die BZ am Abend berichtet hatte, Ulrich Prüfke auch auf das aufs Sportliche ausgerichtete Ziel des neugegründeten Klubs eingegangen: „Wir wollen den Aufstieg in die Oberliga zum frühestmöglichen Termin erreichen!" Am 15. Mai 1966 setzten die Unioner ihr Vorhaben um – der 3:1-Auswärtssieg bei Vorwärts Rostock am vorletzten der 30 Spieltage sicherte Platz eins in der Tabelle der Liga-Staffel Nord.
Der 1. FC Union Berlin wünscht allen Fans, Mitgliedern, Sponsoren, Partnern, Freunden, Mitarbeitern, Trainern, Spielern und Gremiumsmitgliedern einen erfolgreichen Ehrentag – und niemals vergessen: Eisern Union!