Heute vor 115 Jahren:

Erster Aufstieg des Union-Vorgängerklubs

Der S. C. Union Oberschöneweide beendete am 30. April 1911 die Saison als Abteilungsmeister und Aufsteiger in die 2. Klasse.

Historisches Gruppenfoto einer Fußballmannschaft in weißen Trikots und kurzen Hosen, umgeben von einem unscharfen Hintergrund.

In der Spielzeit 1910/1911 des Verbandes Berliner Ballspielvereine traten die Oberschöneweider zum zweiten Mal als ein eigenständiger Klub an: Nach Gründungen im Frühjahr 1906, zwischenzeitlichen Anschlüssen an den Berliner Thor- und Fußball-Club Helgoland 1897 wie auch den Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892 jeweils als Ortsabteilungen und Untere Mannschaften wählten sie im Februar 1909 die Selbständigkeit als Ballspielclub Union Oberschöneweide und ab Januar 1910 als Sport-Club Union Oberschöneweide. Die vorangegangene Saison hatten sie als Siebenter des Zehnerfeldes der 3. Verbandsklasse abgeschlossen.

So vertraten sie als neben dem S. C. 1908 Ostend Oberschöneweide zweitstärkste fußballerische Kraft die 21.359-Einwohner-Landgemeinde im bedeutendsten der den Spielbetrieb organisierenden Verbände der Region in der Abteilung D der dritthöchsten Spielklasse.

Zum Auftakt im September 1910 empfingen sie auf einer der Wiesen am Spreeufer nahe der Ostend- und der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide den Berliner F. C. Borussia 1902 Tempelhof und sie verabschiedeten ihn bald nach einem 8:1-Heimsieg. Zwei Punkte wurden für einen Sieg vergeben, einen gab es für ein Unentschieden.

Die Berichterstattung in der Sport-Fachpresse ging auf die Begegnungen in den Klassen unterhalb der ersten kaum ein; die Leser erfuhren nahezu ausschließlich Endresultate. So sind weder Halbzeitstände noch Aufstellungen, Torschützen und Zuschauerzahlen bekannt geworden. Tageszeitungen hielten Darstellungen von Pferdesportveranstaltungen und größeren Tennisturnieren für erforderlich, und sie mieden den Fußballsport.

Über das Fachblatt Der Rasensport vermittelte ein Verbandsfunktionär allen Vereinen rechtzeitig vor Saisonbeginn verpflichtend, es seien von der bauenden – der heimischen – Mannschaft „deutlich sichtbare Abzeichen anzulegen, wenn der Gegner gleiche Spieltracht hat.“ Die Unioner liefen in weiß abgesetzten blauen Hemden und in weißen Hosen auf. Zu ihren sichtbaren Abzeichen ist nichts überliefert.
Die Schiedsrichter waren in jener Zeit nicht immer und nicht alle zuverlässig und pünktlich. So waren zwanzigminütige Wartezeiten nach dem vorgesehenen Anpfiff nicht nur verspäteten Spielern, sondern auch Schiedsrichtern zugestanden. Sollte noch immer kein Unparteiischer eingetroffen sein, galt es, aus vom Verband eingerichteten so benannten Schiedsrichterwachen bereitsitzenden Ersatz zu organisieren. Dass die Wache für die im Südkreis auszutragenden Begegnungen sich im Restaurant Zum weißen Mohr in der Belle-Alliance-Straße 8 befand, erfuhren die Interessierten Ende September aus Der Rasensport ebenso, wie das Resultat des Union-Spiels beim Berliner F. C. Normannia – es war mit 7:2 Treffern gewonnen worden. 

Anfang Oktober dann erschienen die Oberschöneweider zum Verbandspokalkampf bei Borussia 02 Tempelhof derart verspätet, dass die 3:4-Niederlage in der dann die für die erschienenen Zuschauer doch ausgetragenen Partie als Gesellschaftsspiel, als Freundschaftsspiel für die rechtzeitig eingetroffenen Zuschauer gewertet wurde. Das vorgesehene Pokalgeschehen beim Abteilungskonkurrenten vertagte der Verband zur Wiederholung auf Ende November.

Offenbar zur festgesetzten Zeit angekommen war ein Berichterstatter, der zu jenem Vergleich festhielt, dass Union „bald nach Beginn aus einem Gedränge heraus die Führung“ errungen, aber nicht verhindert habe, „dass Borussia bald ausgleicht und noch vor Halbzeit die Führung an sich reisst.“ So blieb es bis zum Halbzeitpfiff beim 2:1-Stand; später schossen die Unioner einen zweiten Treffer. „Durch diesen Erfolg ermuntert,“ traf Union erneut „und erzielt durch einen hohen, haltbaren Schuss noch ein drittes Tor.“ Die Schwarz-Weißen hätten sich nun energisch aufgerafft, „nach famosem Spiel des rechten Flügels fällt das ausgleichende Tor“, bevor ein vierter Treffer den Gastgebern wenige Minuten vor dem Ende „unhaltbar das siegende Tor“ einbrachte. „Das Spiel war äusserst flott und scharf.“ – so beendete der namentlich nicht erwähnte Der-Rasensport-Autor seinen Bericht.

Nicht verlegt wurde das Punktspiel beim Namensvetter Rixdorfer Th. u. F. C. Union 06, doch dieser hatte, schrieb die Neue Sportwoche, „nicht gebaut“ – auf seiner Anlage keine Tore errichtet und keine Spielfeldmarkierungen vorbereitet. Dies war für die meisten Vereine zuvor zu erledigen; nach dem Abpfiff galt es, das Material wieder abzubauen und einzulagern, meist im in der Nähe befindlichen Umkleidelokal. Die Unioner nutzten wahrscheinlich das Lokal des Gastwirtes Johannes Meller, in der Rathenaustraße 6 in Oberschöneweide. 

Trotz des Vergehens trugen die Mannschaften miteinander ein als Gesellschaftsspiel gewertetes Treffen aus; die Oberschöneweider Unioner obsiegten mit 13:2 Treffern – so Die Union-Statistik von 2009 der Autoren Harald Tragmann und Harald Voß. 

Die deutschen Fußballer wie auch nahezu alle anderen Sportler im Reich waren Amateure, oder sie galten als solche. Vergünstigungen aller Art in Anspruch zu nehmen, galt unter den Sportsleuten, zumindest aber bei den Bundes- und Verbandsverantwortlichen als verpönt, und so war es bei Strafe verboten. Die Vereinsfunktionäre aber sahen sich auch dem Anspruch unterworfen, Erfolge zu erringen. Es gab nicht viele herausragende Spieler, und so galt es, solche für ihre Farben zu gewinnen – auch mit Mitteln am Rande des Erlaubten oder darüber hinaus. 

Was die öffentlich von den Verbänden ebenso wachsam-kritisch bewertete, wie auch bewusst mit sehr unscharfem Blick betrachtete Realität war, nutzten Spieler wie Vereine gleichermaßen, und nur selten erfuhr die Öffentlichkeit von den Verstößen. Die dem VBB nicht gewogene Wochenzeitung Die Welt am Montag ging auf dergleichen ein, als sie im Oktober ihrer Leserschaft zutrug, dass der VBB den Spieler Paul Kugler des in der 1. Spielklasse aktiven Berliner Thor und Fußball-Clubs Viktoria 1889 nur sehr milde bestraft habe. Denn er habe unehrenhaft mit zwei Vereinen verhandelt und außerdem noch Geldwertes angenommen, nachdem er wie auch ein weiterer Spieler „verschiedentlich die Fußballmannschaft des Lichterfelder Kadettenkorps und die Söhne des Prinzen Friedrich Leopold“ in Fußball unterrichtet habe, so die Zeitung. „Zum Dank erhielten sie von den Söhnen des Prinzen pro Nase eine junge Bulldogge von tadelloser Abstammung.“ Einen Rassehund, und etwas anderes könne es nicht gewesen sein, weil der Prinz Leopold von Preußen, der Schwager der deutschen Kaiserin, gewiss nicht „Promenaden- oder Tiergartenmischung verschenken wird, sondern nur hocharistokratische Tiere.“ Und jenen Hund habe Kugler später „dem Vernehmen nach“ für 100 Mark verkauft. Weiterhin ging es um illegale Zahlungen „bei den Klubs, die sich gegenseitig die brauchbarsten Mitglieder abwendig machen“ und darum, dass bei den Vereinen auch Möglichkeiten der Vorteilsgewährung vorhanden seien und genutzt würden, bei jenen „besteht auch eine lebhafte Stellenvermittlung.“ Versprechen einträglicher und gewinnbringenderer Anstellungen habe „schon manchen Fußballspieler aus seinem Klub herausgelockt.“ 

Ein konkreter Vereinswechsel-Fall war dem Autor Arthur Weber offenbar ebenso bekannt; ein Vater eines gewechselten Fußballers habe Besuch bekommen vom Werkmeister des Sohnes, „der ihm einfach erklärte: ‚Wenn Ihr Sohn nicht wieder zu uns (dem Fußballklub) kommt, kann er sich eine andere Stellung suchen.‘“ Zusammenfassend klagt Arthur Weber den VBB und die weiteren Verbände wie auch die Klubs und Vereine an: „‚Amateur‘, da sind wir beim wunden Punkt! Sind denn unsere Fußballspieler in Deutschland noch als Amateure anzusprechen? Nein! das sind sie nicht!“ Von Aussprachen mit Werkmeistern in Oberschöneweide ist nichts bekannt.

In der Abteilung D der 3. Klasse gewannen die Unioner unterdessen gegen den S. C. Rixdorf mit 3:1 Treffern, bevor sie den Berliner S. C. Olymp mit 4:1 Torerfolgen schlugen. Die anschließende Begegnung endete mit 3:2 Toren gegen den Th. u. F.-C. Columbia 04 Adlershof. Anfang November besiegten die Unioner den S. V. Rapide Friedrichshagen mit 6:1 Torerfolgen, wovon Die Welt am Montag ihren Lesern aber nichts mitteilte.

Aber sie berichtete vom Aufeinandertreffen des S. C. Minerva 1893 Berlin gegen die Fußballer des siegreichen Berliner Tennis-Clubs Borussia auf dem Schebera-Fußballplatz am Gesundbrunnen in der höchsten Klasse. Schiedsrichter Glücksmann habe zunächst vier Minerva-Spieler wegen rohen Spielens und Beleidigung des Feldes verwiesen, woraufhin nach dem Abpfiff Zuschauer das Feld betreten haben, „so daß es zu Tätlichkeiten kam. Der Schiedsrichter griff dabei zum Revolver und drohte, jeden niederzuschießen, der ihm zu nahe käme. Nur mit Mühe wurden weitere Ausschreitungen unterdrückt.“ 

Das Ereignis nahm in den Presseberichterstattungen in den kommenden Wochen viel Raum ein. Weniger wesentlich war zunächst noch, dass Union eine Mark Strafe zu zahlen habe, wie es die Neue Sportwoche zwei Tage später veröffentlichte; begründet mit „unvorschriftsmäßiger Kleidung“ der Spieler Lehmann, Nix, Rienitz, Strässer und Schornstein. Am selben Tag ging Der Rasensport auf die „sehr unerquicklichen Szenen“ auf dem Schebera-Platz ein. „Am Schluss des Spieles“ sei der Schiedsrichter „arg bedrängt“ worden, und er verteidigte sich daraufhin „mit einem Revolver, der aber glücklicherweise nicht losging.“ 

Zum Verhalten des Publikums in Oberschöneweide, auf den Platz neben den Gebäuden der Nationalen Automobil-AG, gaben die Zeitungen und Zeitschriften keine Einschätzungen ab. Zuschauer-Ausschreitungen allerdings kamen in Berlin und der Umgebung des Öfteren vor, wie der Journalist William Dopp in der folgenden Woche in Der Rasensport beklagte. 

„Der Stein des Anstoßes sind ohne Zweifel“ schätzte er ein, „die Spielplätze im Norden Berlins, Exerzierplatz Schönhauser Allee, Bernauer Straße und – last not least – der Schebera-Sportplatz.“ Befürchtungen müssten jenen aufkommen, die es mit dem Fußballsport ehrlich meinten. So sah er ein „tiefbedauerliches Symptom, dass das Sportpublikum auf diesen Plätzen noch nicht die Uranfänge sportlichen Benehmens besitzt und nur ausschließlich seinen fanatischen Vereinsneigungen die Zügel schießen lässt.“ 

All das sei zu verhindern, und es gehe aber selbstverständlich auch zu weit, „wenn ein Schiedsrichter zu einem Spiele sich die Browningpistole umgürtet und schließlich mit diesem Dings wie ein Gaucho aus den südamerikanischen Pampas in der Luft herumfuchtelt.“ Solch ein Schiedsrichter schade „uns mehr als das radaulustigste Publikum.“ Hier sah er „noch junge unreife Menschen mit blindem Vereinsfanatismus, die besonders in hellen Scharen zu den Spielen der großen Nordvereine ziehen“. Eine Scheberaplatz-Sperre müsse angeordnet werden, und es sei geboten, vor allem die Begegnungen unterer Mannschaften der Nordvereine, „die einen großen Anhang zu verzeichnen haben, wie ‚Hertha‘, ‚Allemania‘ und ‚Minerva‘“, auf geschlossenen, kontrollierbaren Plätzen anzusetzen. Der Verband möge nicht zaudern, sondern „sofort mit fester, sicherer Hand disponieren. Die Situation ist ernst.“ Der VBB kündigte in Der Rasensport Untersuchung an und Beschlüsse; der Verbandsvorsitzende Fritz Boxhammer sah in William Dopps Text einen „aufreizenden Alarm-Artikel“. Schließlich rief der S. C. Minerva Zeugen „in der bekannten Revolver-Angelegenheit des Schiedsrichters Herrn Glücksmann“ auf, insbesondere sei Minerva interessiert an den zwei Zuschauern, die bei Beginn der zweiten Spielhälfte zwei Minerva-Spielern zugerufen hätten: „Sehen Sie sich man vor, der Schiedsrichter ist bewaffnet!“ Eine originale Browning-Pistole, Kaliber 6,35 bot beispielsweise die Breslauer Fachhandlung Bial & Freund zum Bezug an; zum Original-Fabrikpreis von 36 Mark und „ohne Anzahlung, lediglich gegen bequeme Monatsraten von 3 Mk.“ Vierzig Mark dagegen kostete ein Modell des Kalibers 7,35, „aber als Taschenwaffe etwas unhandlich“. So ein entsprechendes Inserat in Die Welt am Montag.      

Während Fußball-Berlin seinen Blick derart auf den Nordbereich richtete, kamen die Oberschöneweider Unioner am 26. November 1910 zu ihrer Generalversammlung des Jahres zusammen. An diesem Tage „wurden folgende Herren in den Vorstand neu- resp. wiedergewählt:“ als 1. Vorsitzender Otto Rienitz und als 2. Vorsitzender Ernst Standke. Zum 1. Schriftführer wählten die Anwesenden Albert Seipp, zum 2. Willi Kraneis; 1. beziehungsweise 2. Kassierer wurden Max Maass und Otto Kraatz. Beim Verband vertraten Johannes Saupe und Willibald Uhlemann den Klub, während Fritz Schornstein und Ernst Standke zu 1. Kapitänen der I. sowie Alfred Rasenack und Hermann Raddack zu den Spielführern der II. Mannschaft bestimmt wurden. Die Kassenrevision übernahmen Ernst Tillack und Erich Boissier, wie der Klub in Der Rasensport veröffentlichte.

Am folgenden Tag gewann Union das aus dem Oktober überfällige und neu angesetzte Pokaltreffen bei Borussia Tempelhof mit 6:4 Toren. Der Punkte-Vergleich gegen Normannia fiel aus; der folgende, daheim gegen den B. V. Treptow-Süd, ging mit 6:2 deutlich an die Oberschöneweider. Gewiss zum außerordentlichen Verdruss von Erwin Mettchen, der 1906 zum Kreise der Olympia-Oberschöneweide-Gründer als erster der Vorsitzenden gehört und sich im Sommer 1910 vom Klub abgewandt hatte. Inzwischen arbeitete er im Treptow-Süd-Vorstand als 1. Schriftführer und Vereinsvertreter beim VBB mit.  

Dem Berliner Ballspiel-Verband gehörten am 1. Dezember 1910 7.939 Mitglieder an; die Neue Sportwoche veröffentlichte diese und weitere Angaben sechs Tage später. Der S. C. Union Oberschöneweide zählte demnach 117 Mitglieder bei zwei Senioren- und zwei Jugendmannschaften im Spielbetrieb, einigen Schiedsrichtern wie wohl auch einigen Nichtaktiven. Dem S. C. Ostend Oberschöneweide, die I. Mannschaft antretend eine Spielklasse höher, gehörten 148 Mitstreiter an. Für den Berliner F. C. Hertha 1892 wurden 211 Mitglieder angegeben. 

Der Berliner Pokalwettbewerb führte den Schöneberger F. C. Borussia 1899 zu den Unionern. Für den Besuch auf dem Concordia-Platz am Rathaus Reinickendorf hatten die Zuschauer für die besten Plätze 75 Pfennige, für die 2. Plätze 50 Pfennige zu bezahlen. Eintrittskarten für Kinder und für Soldaten kosteten 25 Pfennige. Union Unterlag den in der nächsthöheren Spielklasse antretenden Gästen mit 0:4 Treffern. Deutlich erfolgreicher zeigte sich die Elf um Ernst Standke im Treffen mit dem Berliner F. C. Columbia 08 auf dessen Anlage mit dem 7:1-Erfolg.

Bald nach dem Jahreswechsel hieß es in Der Rasensport zum Punktspiel Union Oberschöneweide I vs. S. C. Rixdorf I: „kein Bericht“, zwei Wochen darauf veröffentlichte das Blatt das 4:1-Rixdorfsieg-Ergebnis. In Die Union Statistik hielten die Autoren fest, dass das Spiel „vermutlich nicht gewertet“ und später wiederholt worden sei. Die aktuell berichtende Presse ließ ihre Leser im Unklaren, jedenfalls zu diesem Rixdorf-Vergleich. Zu einem anderen, nun ging es um Union Rixdorf und deren Paarung mit Olymp, gab sie bekannt, dass die Olympier nicht gebaut haben und Union Rixdorf nicht erschienen sei. Die Union-Statistik wies darauf hin, dass Union Rixdorf wie auch Rapide Friedrichshagen sich während der Saison vom Spielbetrieb zurückgezogen haben. 

Es kam häufig vor in den Spielklassen, dass Mannschaften nicht erschienen waren, Vereine den Platz nicht gebaut hatten und einzelne Spieler verspätet in die Begegnungen eintraten. Neben diesen allgemeinen hatte der Märkische Fußball-Bund, ein parallel bestehender Konkurrent des Verbandes Berliner Ballspielvereine, auch spezielle Schwierigkeiten. Über Der Rasensport suchten die Verantwortlichen nach Sportfreunden, „die geeignet sind, Schiedsrichtern und Spielern die Regeln zu erläutern und schwierige Fragen“ klarzustellen. Seinen Schiedsrichtern riet der MFB auch Pünktlichkeit an. 

Geschiedst von wahrscheinlich regelkundigen pünktlichen Unparteiischen unterlag Columbia Adlershof den Oberschöneweider Unionern mit 3:6 Toren – die zweite Serie des Spieljahres 1910/11 begann auf den Plätzen Berlins und seiner Umgebung, mit vielen wetterbedingten Ausfällen. Das Cöpenicker Dampfboot, Regionalzeitung der damals noch mit C geschriebenen Kleinstadt Köpenick und Heimat des Union-Abteilungskonkurrenten F. C. Cöpenick 09, des Cöpenicker F. C. Freiheit 1908, des Cöpenicker F. C. Askania wie auch des MFB-Vereines Cöpenicker F. C. Wacker 09 und auch des Cöpenicker F. C. Venus 1909 mahnte und warnte Ende Januar 1911, der Fußballsport mache sich nun wieder breit, er möge sich in gebotenem Rahmen bewegen, was „aber nur selten der Fall“ sei, und eine Unsitte sei es auch, „wenn Schulkinder auf den Plätzen der Stadt mit dem Fußball operieren, das Publikum belästigen und auch der Sachbeschädigung sich schuldig machen.“ Fensterscheiben und Laternenverglasungen seien zu Bruch gegangen und in der Luisenstraße sei ein Pferd von einem Ball getroffen worden und durchgegangen; die Polizei habe hoffentlich einen Blick auf all das.            

Union Ob. schlug den F. C. Köpenick mit 20:1 Treffern, während der stärkste der Konkurrenten und spätere Abteilungs-Vizemeister Rixdorf 1900 den Berliner F. C. Normannia 6:1 besiegte. Vom Punktekampf Union gegen Borussia Tempelhof wies Der Rasensport den 5:3-Auswärtssieg der Blau-Weißen nach. Ebenso auch erzielte Endergebnisse der anderen Staffelteilnehmer, wie Columbia Adlershof gegen Treptow-Süd 8:2 oder auch Olymp vs. Köpenick 17:3 – die Abwehr- und Torhüterarbeit der Köpenick-09-Sportler schien nicht von höchster Befähigung gewesen zu sein; beim Saisonschluss Ende April verzeichnete ihnen die Tabelle 180 Gegentore, bei 17 eigenen Erfolgen in diesem Bereich. 

Dem Bereich des Randes der Fußballspiele widmete sich William Dopp Ende Februar in Der Rasensport wieder ausführlich, ohne konkret auf Schiedsrichter, Revolver und Randalierer einzugehen. Das unlautere Spieler-Abwerben geißelte er ebenso als ein Problem des Deutschen Fußball-Bundes wie auch der regionalen Verbände. Idealismus spiele keine Rolle mehr, und im Vergleich zu den Anfangsjahren dieses Sportes habe das gute Benehmen an Rang verloren; „je mehr sich aber der Fußballsport emanzipierte und Anhänger ihm in Massen zuströmten, desto auffälliger trat das soziale Moment in den Vordergrund.“ Dies gelte in den Vereinen weniger den Spielern, „als dem Gros des Publikums, das sich zur Hälfte aus Anhängern und Angehörigen der spielenden Vereine zusammensetzt.“ Wenn Vereine nicht über Takt und Objektivität verfügten, „sondern ihrem Vereinsfanatismus die Zügel schießen lassen“ dürfe keine Verwunderung aufkommen, „wenn das minder gebildete Publikum sich gelegentlich ebenfalls zu Ausschreitungen veranlasst sieht.“

Unions Ende Februar angesetztes Spiel mit Olymp fiel aus, Columbia Adlershof schlug den SC Rixdorf 3:2 – Rixdorfs Niederlage beim abschließend Tabellendritten gab mit den Ausschlag für den Oberschöneweider Staffelsieg. Treptow-Süd besiegte unterdessen Köpenick mit 14:1 Treffern. In der 2. Klasse begab sich – eine üblichen Plage – der Ausfall von Westend-Hamburg gegen Merkur, denn Merkur konnte keinen Ball zur Verfügung stellen, wie es dem Verein oblegen hatte. Dies lasen die Fußballfreunde in Der Rasensport; derweil im Cöpenicker Dampfboot das einige Kilometer entfernt befindliche Kaufhaus E. Georges, Köpenick, Grünstraße 19/20, Bälle bewarb „von 50 Pf. bis 13 M. Faust- und Fußbälle, einzelne Blasen“. Einige Ecken weiter, in der Schloßstraße 24, hielt Konditor Franz Neumann Fastnachts-Pfannkuchen mit verschiedenen Füllungen bereit, für 50 Pfennige bis zu einer Mark für zwölf Stück, wie sein Inserat im selben Blatt aussagte. 

Weitere Sporthäuser befanden sich in der Berliner Innenstadt, und diese boten auch allerlei Sportbekleidung feil. Mancher Unparteiische hätte hier einkaufen sollen, denn Der Rasensport wies darauf hin, dass die Vereine Strafen vermeiden könnten, „wenn dieselben sich daran gewöhnen wollten, sich gleichfalls zum Spiel sportlich zu kleiden.“ Es könne nun „leider nicht nur bei Sonnenschein“ gespielt werden, „und es ist ratsam, wenn die Vereinsschiedsrichter diesen Wink befolgen, zumal es auch gesundheitlich dienlicher ist, wenn die Kleidung nach dem Spiel gewechselt wird. Auch Schiedsrichter ist eine sportliche Pflicht, die durch Wind und Wetter nicht beeinflusst werden darf.“

Dem Saisonende nahe fanden die Leser auch Schiedsrichter Glücksmann wieder in der Zeitung, ganz unabhängig von den wöchentlichen Ansetzungsübersichten. Wieder war es Die Welt am Montag die ihn in unerbetene Aufmerksamkeit hob, als es zum Erstliga-Spiel Minerva gegen Viktoria hieß, „der aus der Revolveraffäre“ bekannte Herr Glücksmann „erschien als Berichterstatter und wies sich als solcher durch die vom Verband ausgestellte Pressekarte aus.“ Minerva hatte zuvor Glücksmann prinzipiell den Zutritt zu seinem Platz verboten, „ihn aber, da er Pressevertreter sei, leider auf den Platz“ lassen müssen. Hier nun habe man „dann Herr Glücksmann von zwei offiziellen Beamten Minervas, kenntlich an der gelbblauen Armbinde, gröblich beschimpft.“ 

Deutliche Resultate bestimmten den anscheinend aufregungsfreieren Alltag in Klasse drei, Abteilung D, als Columbia Adlershof gegen Normannia mit 10:0 und Union Oberschöneweide gegen Columbia Berlin 6:1 Torerfolgen siegten. Treptow-Süd, chancenlos auf den Titelgewinn, hatte auf das Antreten bei Olymp, ebenso keine Rolle in Wettstreit um Platz eins spielend, verzichtet. Am fünftletzten Spieltag unterlagen die Unioner knapp beim SC Rixdorf mit 3:4 Toren – ihre ersten und abschließend einzigen Minuspunkte, die erste Niederlage nach zuvor zwölf gewonnenen und für gewonnen erklärten Punktspielen. Ärgerlich für die Oberschöneweider, denn die Rixdorfer waren die einzigen Konkurrenten um den aufstiegbedeutenden ersten Tabellenplatz. Anschließend besiegten die Rixdorfer Columbia Berlin mit 8:1 Toren, während Treptow-Süd auf das Antreten auf heimischem Platz gegen Union verzichtete und so kampflos zwei Punkte auf die Oberschöneweider Habenseite brachte.  

Der SC Rixdorf zeigte sich noch immer erfolgreich und titelambitioniert und gewann gegen die Treptower mit 15:0 Toren, als Union Oberschöneweide einen punktspielfreien Sonntag verbrachte. Den Informationsbedarf der Berliner Fußballanhänger neben Resultate- und Spielberichterstattungen deckte Der Rasensport oft in seiner Fragekasten-Rubrik, in der sich ein Leser wissbegierig erkundigte, ob es zulässig sei, bei der Platzvorbereitung „fehlende Elfmeter- und Mittelfahnen durch aufgepflanzte Spazierstöcke zu ersetzen?“ – „Antwort. Nein. Ein derartiger Aufbau des Feldes ist nicht als ein ordnungsgemäßer anzusehen.“ Ob der – wie alle Anfragensteller anonymisiert – als W. N. vorgestellte Interessierte dem SC Union Oberschöneweide angehörte, ist nicht nachvollziehbar, aber auf seinem nicht beanstandeten Sportplatz gewann der Klub mit 9:0 Toren gegen Normannia in der drittletzten Runde der Saison. Nicht überliefert dagegen ist, ob die Unioner am 1. Osterfeiertag des Jahres 1911 ein Gesellschaftsspiel vor in außerordentlich großer Menge an- und abreisender Zuschauer austrugen. Das Cöpenicker Dampfboot meldete wenige Tage später „eine Schlägerei, wobei auch das Messer in Anwendung kam,“ sei im Zug an diesem Tag während der Fahrt von Schöneweide nach Berlin in einem Abteil der dritten Klasse vorgefallen „wegen der Sitzplätze. Es wurde die Notleine gezogen, und wurden die Hauptkrakehler der Polizei übergeben.“

Während bald darauf in Spielklasse eins in Schmargendorf der Berliner Thor- und Fußball-Club Viktoria 1889 über den Berliner Thor- und Fußball-Club Britannia 1892 mit 6:1 Toren und damit auch im Kampf um den Meistertitel des Verbandes Berliner Ballspielvereine siegte, gewann in der Baumschulenweger Kiefholzstraße der SC Union Oberschöneweide beim Berliner SC Olymp mit 7:2 Treffern. Und mit ihrem 11:0-Auswärtssieg beim F. C. Köpenick 09 bestätigten die Oberschöneweider Unioner am 30. April 1911 ihren vier-Punkte-Vorsprung vor dem SC Rixdorf 1900. So hieß es abschließend an der Tabellenspitze: 1. SC Union Oberschöneweide, 30 Punkte, 105:24 Treffer; 2. SC 1900 Rixdorf, 26 Punkte, 105:28 Torerfolge; 3. Th. u. F. C. Columbia 04 Adlershof, 24 Punkte, 84:33 Tore. Am Ende des nun nur noch neun Vereine umfassenden Feldes in der Abteilung D der 3. Klasse stand der F. C. Köpenick 09 mit einem Unentschieden und 15 Niederlagen aus den 16 gewerteten Begegnungen.

Zur Oberschöneweider Meister-Mannschaft gehörten neben Torhüter Max Nowacki die Feldspieler Otto Rienitz, Albert Seipp, Wilhelm Rump, Albert Nix, Ernst Standke, Fritz Schornstein und Ernst Strässer sowie die vornamentlich nicht bekannten oder zuzuordnenden Hornburg, Lehmann, Blau und Berkenhoff.

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